Vordenker
Versicherungen verbrachten Jahre damit, über KI zu reden. Dieses Jahr setzen sie sie tatsächlich ein

Jahrelang dominierte künstliche Intelligenz die Agenda von Versicherungs‑Konferenzen und die Gespräche im Vorstand. Jedes Unternehmen behauptete, eine KI‑Strategie zu besitzen; jedes Startup versprach, das Underwriting neu zu erfinden; und jeder etablierte Versicherer sprach von digitaler Transformation.
Doch während dieses Zeitraums experimentierte die Branche mehr, als dass sie sich wirklich transformierte. Das hat sich 2026 geändert.
In diesem Jahr hat sich KI von einer Innovationsinitiative zu einem integralen Bestandteil des täglichen Betriebsmodells von Versicherungsunternehmen entwickelt. Anstatt isolierter Pilotprojekte integrieren Versicherer KI in das Underwriting, den Kundenservice, die Betrugserkennung, die Schadenbearbeitung und interne Abläufe.
Die Diskussion dreht sich daher nicht mehr darum, ob die Technologie in die Versicherung passt, sondern wie schnell Organisationen sie verantwortungsbewusst einsetzen können, ohne das Vertrauen zu gefährden, auf das die Versicherungsbranche stets gebaut hat.
Operative Geschwindigkeit bei Schadenbearbeitung und Underwriting
Vielleicht ist die größte Veränderung die Geschwindigkeit. Versicherungen waren historisch für Papierkram, lange Genehmigungszyklen und manuelle Prüfungen: Kunden warteten Tage oder Wochen auf Angebote, Vertragsänderungen oder Schadenentscheidungen. Heute erfolgen viele dieser zeitintensiven Routineinteraktionen fast sofort.
KI unterstützt Versicherer dabei, Dokumente zu analysieren und fehlende Informationen zu erkennen, bevor ein Mensch überhaupt involviert wird. Und wichtig ist, dass sie Versicherungsfachleute nicht ersetzt. Stattdessen entfernen diese Systeme repetitive Verwaltungsaufgaben, sodass Mitarbeitende sich auf wertschöpfende Entscheidungen konzentrieren können, die Urteilsvermögen und Erfahrung erfordern.
Unternehmen wie Allstate und Progressive haben beispielsweise 2026 ihre KI‑gestützten Kundenservice‑Funktionen ausgebaut, sodass Versicherungsnehmer rund um die Uhr Angebote erhalten und häufige Fragen beantwortet bekommen, bevor sie nahtlos zu lizenzierten Vertretern weitergeleitet werden, wenn komplexere Situationen auftreten. Branchenweit umfasst diese Art der Routine‑Anfrage‑Automatisierung inzwischen bis zu 80 % repetitiver Kundenkontakte, wodurch lizenzierte Agenten für Gespräche freigesetzt werden, die menschliche Expertise erfordern.
Die Schadenbearbeitung ist ebenfalls deutlich effizienter geworden. Computer‑Vision‑Modelle können Fahrzeugschäden anhand hochgeladener Fotos beurteilen, während generative KI Schadenregulierern hilft, Dokumente zu strukturieren und Berichte zu erstellen. Durch diese verbesserten Verwaltungssysteme erhalten Kunden nun schneller Updates, und Mitarbeitende verbringen weniger Zeit mit manueller Papierarbeit.
Doch die Veränderung beschränkt sich nicht mehr nur auf Insurtech‑Start‑Ups, die von Anfang an auf KI setzen; etablierte Versicherer holen auf. USAA, einer der traditionelleren Akteure der Branche, hat sich mit Google Cloud zusammengetan, um Computer‑Vision‑Modelle zu entwickeln, die ein Foto von Fahrzeugschäden direkt in Reparatur‑ oder‑Austausch‑Prognosen für einzelne Teile übersetzen – eine Aufgabe, die früher das geschulte Auge eines Gutachters erforderte.
Die Systeme entfernen Menschen nicht vollständig aus dem Prozess; sie reduzieren lediglich das Sichtfeld, sodass Regulierer ihre Zeit für die Urteilsentscheidungen aufwenden können, die die Technologie nicht treffen kann.
Das Underwriting hat eine ähnliche Entwicklung durchlaufen. Anstatt Dutzende von Dokumenten und disparate Datenquellen manuell zu prüfen, greifen Underwriter zunehmend auf KI‑Assistenten zurück, die Informationen bündeln und nächste Schritte empfehlen.
Die Zurich Insurance Group investiert beispielsweise weiterhin in KI‑unterstützte Underwriting‑Tools, die Mitarbeitenden helfen, große Mengen an Kunden‑ und Risikodaten effizienter zu verarbeiten, wobei gleichzeitig sichergestellt wird, dass die endgültigen Underwriting‑Entscheidungen in menschlicher Hand bleiben.
Versicherungen bleiben ein Geschäft, das auf Urteilsvermögen basiert, und KI funktioniert am besten, wenn sie dieses Urteilsvermögen unterstützt, anstatt zu versuchen, jede Entscheidung zu automatisieren.
Bekämpfung von Betrug in einer KI-gegen-KI‑Umgebung
Die Betrugsprävention ist ein weiterer Bereich, in dem KI messbare Fortschritte erzielt. Dieselbe Technologie, die Versicherern zu mehr Effizienz verhilft, unterstützt gleichzeitig Betrüger dabei, immer ausgefeiltere gefälschte Dokumente, manipulierte Bilder und synthetische Identitäten zu erstellen.
Versicherer sind daher gezwungen, ebenso fortschrittliche KI‑Werkzeuge einzusetzen, um ungewöhnliche Verhaltensweisen und Inkonsistenzen zu erkennen, die Menschen übersehen könnten. Globale Versicherer wie AXA nutzen vermehrt Machine Learning, um verdächtige Schadenaktivitäten zu identifizieren, Anomalien in Millionen von Transaktionen aufzudecken und Fälle für menschliche Untersuchungen zu markieren, bevor betrügerische Zahlungen erfolgen.
Was wir beobachten, ist eine KI‑gegen‑KI‑Umgebung, in der Technologie auf beiden Seiten eingesetzt wird. Der Erfolg hängt zunehmend davon ab, welche Organisationen die effektivsten Erkennungsfähigkeiten aufbauen können, während sie für komplexe Fälle menschliche Aufsicht beibehalten.
Der Wandel hin zu autonomen KI‑Agenten
In diesem Zusammenhang ist einer der interessantesten Trends im Jahr 2026 das Auftauchen ausgereifter KI‑Agenten. Im Unterschied zu traditioneller generativer KI – die hauptsächlich Fragen beantwortet oder Inhalte erzeugt – beginnen KI‑Agenten, mehrstufige Arbeitsabläufe autonom auszuführen: Informationen zu sammeln, administrative Aufgaben zu erledigen, zwischen internen Systemen zu koordinieren und Empfehlungen für Mitarbeitende vorzubereiten. AI Jim ist nur einer der tausenden KI‑Agenten, die Versicherer entwickelt und eingeführt haben.
Statt Teams zu ersetzen, werden diese Agenten zu digitalen Kolleg*innen, die Compliance‑Anforderungen überwachen, Dokumente weiterleiten, Informationen über mehrere Systeme hinweg verifizieren und proaktiv operative Engpässe erkennen, bevor sie zu geschäftlichen Problemen werden. Und obwohl vollständig autonome Versicherungsabläufe noch nicht in greifbarer Nähe sind, reduziert agentenbasierte KI bereits Reibungsverluste in Unternehmen – und sie wird bleiben.
Automatisierung im Gleichgewicht mit Governance und Vertrauen
Doch bei all der Aufregung darf man nicht aus den Augen verlieren, was am wichtigsten ist: Versicherung ist im Kern ein Vertrauensgeschäft.
Kunden kaufen keine Versicherung, weil sie Freude am Abschluss von Policen haben. Sie erwerben sie, weil sie die Sicherheit wollen, dass jemand in den schwierigsten Momenten des Lebens zur Verfügung steht. KI kann die Effizienz steigern, aber sie kann Empathie, Verantwortlichkeit oder ethische Entscheidungsfindung nicht ersetzen.
Organisationen, die Automatisierung ohne Transparenz verfolgen, riskieren, dieses Vertrauen zu beschädigen. Verbraucher haben das Recht zu wissen, wann KI eingesetzt wird, wie Entscheidungen getroffen werden und wann ein qualifizierter Mensch eingreifen kann – und tatsächlich eingreift.
Und da Regulierungsbehörden Governance, Fairness und Erklärbarkeit stärker in den Fokus rücken – einschließlich des laufenden Pilotprojekts der National Association of Insurance Commissioners für ein standardisiertes KI‑Prüfwerkzeug in einem Dutzend Bundesstaaten – wird der verantwortungsvolle Einsatz von KI ebenso wichtig werden wie die technische Leistungsfähigkeit.
Wir haben diese Transformation aus erster Hand bei GetCovered erlebt. Unsere jüngste Übernahme von Revyse zum Beispiel spiegelt die Überzeugung wider, dass die Zukunft der Versicherungs‑KI nicht darin besteht, isolierte Aufgaben zu automatisieren, sondern Intelligenz über den gesamten Versicherungs‑Lebenszyklus hinweg zu verknüpfen. Durch die Kombination von KI‑gestützter Anbieter‑Intelligenz und Versicherungs‑Automatisierung wird Organisationen geholfen, operative Komplexität zu reduzieren und gleichzeitig die Governance und Transparenz zu wahren, die Kunden und Regulierungsbehörden bereits erwarten.
Bei GetCovered haben wir diese Entwicklung aus erster Hand erlebt. Unsere jüngste Übernahme von Revyse spiegelt unsere Überzeugung wider, dass die Zukunft der Versicherungs‑KI nicht in der Automatisierung isolierter Aufgaben liegt, sondern darin, Intelligenz über den gesamten Versicherungs‑Lebenszyklus hinweg zu verbinden. Durch die Zusammenführung von KI‑gestützter Anbieter‑Intelligenz und Versicherungs‑Automatisierung unterstützen wir Organisationen dabei, operative Komplexität zu verringern und gleichzeitig die Governance und Transparenz zu erhalten, die Kunden und Regulierungsbehörden zunehmend erwarten.
In Zukunft werden die Gewinner in der Versicherungsbranche nicht nur die Unternehmen sein, die über die fortschrittlichsten KI‑Modelle verfügen. Vielmehr werden es die Organisationen sein, die Technologie mit außergewöhnlichen Kundenerlebnissen verbinden.
KI sollte Reibungen verringern, nicht Verwirrung stiften. Sie sollte Versicherungen vereinfachen, anstatt sie unpersönlicher wirken zu lassen. Unternehmen, die diesen Unterschied beachten, werden stärkere Kundenbeziehungen aufbauen und gleichzeitig die operative Effizienz steigern.
Wir haben jahrelang über das Potenzial von KI gesprochen. Im Jahr 2026 sehen wir endlich ihre praktische Wirkung. Die Zukunft der Versicherung ist nicht eine, in der Menschen aus dem Prozess verschwinden – sie ist eine, in der Technologie Routinearbeiten übernimmt, menschliche Akteur*innen sich auf bedeutungsvolle Entscheidungen konzentrieren und Kunden schneller, transparenter und persönlicher bedient werden als je zuvor.
Das ist nicht nur ein technisches Upgrade. Es ist ein besseres Versicherungserlebnis.











